Oliver Kahn – Der Fußball-Titan

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Oliver Kahn Bayern München

Oliver Kahn wurde am 15. Juni 1969 in Karlsruhe geboren und begann seine Fußballkarriere in den Jugendmannschaften des Karlsruher SC. Dabei wurde ihm sowohl das Talent als auch die Vereinszugehörigkeit in die Wiege gelegt: Bereits Vater Rolf Kahn lief als Keeper für den KSC auf, auch Bruder Axel spielte für den baden-württembergischen Klub. 1987 gab Oli im Alter von 18 Jahren sein Debüt für das erste Team der Karlsruher.

21 Jahre später ist er nach seinem Karriereende dreifacher Welttorhüter, gewann 26 Titel und bekam eine Wachsfigur und einen Song gewidmet. Bis heute ist der Titan der Keeper mit den meisten BL-Partien ohne Gegentor, hielt in 204 Spielen im deutschen Oberhaus seinen Kasten sauber. Zudem ist Oliver Kahn mit 49.307 Spielminuten der Torhüter mit der höchsten Einsatzzeit in der BL.

Karrierebeginn in der Heimatstadt

Oliver Kahn machte in der Saison 1987/88 seine ersten Erfahrungen in der Bundesliga, wurde im Sommer in den Kader des KSC berufen. Am 27.11.1987 gab er sein Profi-Debüt gegen den 1. FC Köln, musste bei der 0:4-Niederlage allerdings in den sauren Apfel beißen. In den folgenden drei Saisons absolvierte der Titan nur vier Partien, kämpfte sich aber 1990/91 ins erste Team zurück. Am 13. Spieltag wurde er gegen Bochum beim Stand von 1:2 zur Halbzeit eingewechselt, es war sein erster Einsatz der laufenden Saison. Mit tollen Paraden hielt Kahn seinen Kasten sauber und verhalf Karlsruhe zu einem 3:2-Sieg. Von da an stand er bis zum Saisonende in jedem Spiel über die volle Distanz zwischen den Pfosten. In den folgenden vier Jahren half der Schlussmann dem KSC aus der Abstiegszone, der Verein etablierte sich mehr und mehr in der oberen Tabellenhälfte. In den Saisons 1992/93 und 1993/94 erreichte man mit Rang sechs die bis dato höchste Platzierung der Vereinsgeschichte.

Oliver Kahn gewann in seiner Heimatstadt zwar keinen Titel, konnte sich aber einen Status als absoluter Top-Keeper erarbeiten. Der Höhepunkt seiner Zeit beim KSC war das Wunder vom Wildpark im UEFA-Cup 1993/94: Nach einem 1:3 im Hinspiel beim FC Valencia in der Runde der letzten 32 stand man vor dem entscheidenden Heimspiel mit dem Rücken zur Wand. Die Fledermäuse führte zu diesem Zeitpunkt die Tabelle der spanischen Liga an, der KSC spielte seine erste Saison im UEFA-Cup und war klarer Außenseiter. Die ersten 25 Minuten des Rückspiels gehörten Valencia, denen nur durch einen überragenden Oliver Kahn der Führungstreffer verwehrt wurde. In der 29. Minute fiel dann das 1:0 für Karlsruhe, bis zur Halbzeit sollten sich noch zwei weitere Treffer dazugesellen. Unmittelbar nach dem Wiederanpfiff erhöhte der Underdog auf 4:0, die Treffer in der 59. und 63. Minute entschieden das Spiel endgültig. Am Ende stand es nach einem weiteren Tor in der Nachspielzeit 7:0, der Jubel im Wildpark kannte keine Grenzen mehr! Nach der Saison 1993/94 wechselte Kahn dann zum FC Bayern München, wo er endgültig zu einem der besten Keeper aller Zeiten avancierte.

Ball- und Titelmagnet bei den Bayern

Für 2,3 Millionen Euro, zu diesem Zeitpunkt die Rekordsumme für einen deutschen Torhüter, kam der Schlussmann an die Isar. In München angekommen etablierte sich Kahn vom ersten Spieltag an als Nummer Eins, in seinen 14 Saisons bei den Bayern war er stets die erste Wahl zwischen den Pfosten. 1995/96 gewann das Team den UEFA-Cup, fügte dem Trophäenkabinett des deutschen Rekordmeisters den ersten internationalen Titel seit 20 Jahren hinzu. Der Weg zum Turnier-Sieg führte über den FC Barcelona mit Stars wie Luis Figo und Girondins Bordeaux mit Zinedine Zidane.

Oliver Kahns europäische Sternstunde schlug jedoch erst fünf Jahre später, in der Champions League 2000/01: Im Viertelfinale bot er Manchester Uniteds Starensemble um Paul Scholes, Ryan Giggs und David Beckham die Stirn, kassierte in zwei Begegnungen nur ein Gegentor. Im Halbfinale entschied man beide Partie wie zuvor gegen Manchester mit 1:0 und 2:1. Diesmal waren es Real Madrids Galaktische um Figo, Roberto Carlos und Raul, die sich an Kahn die Zähne ausbissen. Im Finale lieferten sich die Bayern dann einen packenden Fight mit dem FC Valencia, der sich über 120 Minuten zog. Im anschließenden Elfmeterschießen zeigte Oliver Kahn dann seine ganze Klasse: Er parierte gleich drei Elfmeter, darunter den entscheidenden gegen Mauricio Pellegrino, der den Münchnern den Sieg brachte. Kahn wurde zum Man of the Match gekürt und krönte seine fantastische Leistung mit dem Henkelpott.

Auch auf nationaler Ebene war der Karlsruher extrem erfolgreich, gewann unter anderem achtmal die Meisterschaft und sechsmal den DFB-Pokal. Seine individuellen Erfolge sind mit drei Auszeichnungen als Welttorhüter und dem Titel als bester Spieler der WM 2002 nicht minder beeindruckend. In der BL und den nationalen Turnieren kann Oliver Kahn unfassbare 22 Trophäen vorweisen, gehört damit zu den dekoriertesten Fußballern aller Zeiten. Unvergessen bleiben dabei die beiden Pokalsiege 2005 und 2006, bei denen der Titan in neun von elf Partien seinen Kasten sauber hielt.

Die wohl ikonischste Begegnung in Kahns DFB-Pokal-Karriere ereignete sich dabei am 06.08.2007 in der ersten Runde gegen Wacker Burghausen. Der unterklassige Verein sollte eigentlich nur ein Appetithäppchen für den großen FC Bayern München sein, stattdessen gingen die Underdogs in der 61. Minute unerwartet in Führung. Die Bayern konnten sich mit einem späten Ausgleich ins Elfmeterschießen retten, wo jedes Team zwei von fünf Elfmetern vergab. Kahn zeigte im Anschluss, warum er zu dem besten Keepern aller Zeiten gehörte: Der damals 38-Jährige parierte den sechsten und siebten Strafstoß, ermöglichte dem Rekordmeister so den Einzug in die nächste Runde.

WettbewerbSpieleSpiele ohne GegentorTitel
Champions League103341
UEFA-Cup33111
1. Bundesliga5572048
DFB-Pokal68346
Ligapokal1368
Weltpokal111
UEFA-Supercup100
DFB-Supercup100

Tragischer WM-Held

Seinen ersten und einzigen Titel mit dem Nationalteam gewann der Keeper bereits nach vier Spielen für die DFB-Auswahl. Bei der Europameisterschaft 1996 wurde er nicht eingesetzt, stand jedoch im Kader des EM-Siegers. Seinen großen Auftritt hatte er dann bei der WM 2002, als er in den sechs Spielen von der Gruppenphase bis zum Halbfinale nur ein einziges Gegentor kassierte und Deutschland mit unfassbaren Paraden gegen Südkorea und die USA im Alleingang ins Finale hievte. Dort musste man sich allerdings der goldenen Generation der Brasilianer geschlagen geben. Beim 0:2 patzte Kahn vor dem ersten Gegentreffer, war nach der Partie der traurigste Mann in Japan. Dennoch wurde er für seine Leistungen zurecht mit dem goldenen Ball belohnt, der dem besten Spieler des Turniers zuteil wird.

Bei der WM 2006 war Kahn nur noch zweite Wahl hinter Jens Lehmann, was einige Kontroversen mit sich brachte. Der Titan nahm’s sportlich und stärkte seinem Konkurrenten vor dem Elfmeterschießen gegen Argentinien den Rücken. Der 3:1-Sieg im Spiel um Platz drei gegen Portugal war seine letzte Partie im DFB-Dress. Insgesamt stehen bei Oliver Kahn 87 Spiele für die Nationalmannschaft zu Buche. Dabei trug er in 48 Partien die Kapitänsbinde, führte Deutschland öfter als jeder andere Fußballer auf den Rasen.

Handschuhe Kahn

„Eier, wir brauchen Eier“

Mit der Disziplin hatte Oli seit jeher so seine Probleme, was gerade auf dem Rasen für einige Aufreger sorgte. Seine Auseinandersetzungen mit gegnerischen Angreifern sind legendär: 1999 ging er Heiko Herrlich aggressiv an und biss ihm in den Hals, 2002 packte er Thomas Brdaric am Nacken, kam mit Gelb davon. Zwei Jahre später gab er DFB-Kollege Miroslav Klose nach einem Zweikampf neben eindringlichen Worten auch zwei Stupser auf die Nase mit. Doch der Titan konnte nicht nur austeilen, er musste auch einstecken: 1999 wurde er nach einem Zusammenprall mit Teamkollege Samuel Kuffour ohnmächtig, musste nach minutenlanger Behandlung ausgewechselt werden. Im Jahr darauf traf ihn der Golfball eines Freiburg-Fans an der Schläfe, die Wunde blutete stark, doch Kahn biss die Zähne zusammen und kehrte aufs Feld zurück. Allgemein war er oftmals Opfer des Spotts und der Abneigung gegnerischer Anhänger: Während seiner Zeit bei den Bayern war es ein gängiges Mittel, den Keeper wegen seiner angeblichen Ähnlichkeit zu einem Gorilla mit Bananen zu bewerfen.

Auch am Mikrofon ist der Karlsruher eine absolute Ikone, ließ im Laufe seiner Karriere einige legendäre Sprüche ab. „Der Trainer hat gesagt, wir sollen uns am Gegner festbeißen. Das habe ich versucht zu beherzigen“, kommentierte er die Bissattacke gegen Heiko Herrlich trocken. 2001 wurde der Keeper vom Platz gestellt, weil er bei einer Ecke der Bayern in den gegnerischen Strafraum rannte und den Ball ins Tor faustete. „Ich dachte, der Torwart darf den Ball mit der Hand spielen“, echauffierte er sich später scherzhaft. Nach dem 1:5 gegen England zeigte sich Kahn selbstkritisch und erklärte, er hätte seine „Sporttasche ins Tor stellen können, dann hätten wir zwei Stück weniger gekriegt“. Und nicht zu vergessen sein wohl bekanntestes Zitat: Mit „Eier, wir brauchen Eier“ machte er 2003 im Interview nach dem 0:2 gegen Schalke klar, was den Bayern zu diesem Zeitpunkt am meisten fehlte.

Was macht Oliver Kahn heute?

Zeitlebens engagiert sich der Titan für soziale Zwecke, unterstützt diverse Projekte und rief die sogenannte Oliver Kahn Stiftung ins Leben. An Schulen werden damit seit 2011 Schüler unterstützt und motiviert, dazu wurde das Programm „Du packst es!“ gemeinsam mit der Roland Berger Stiftung entwickelt. Kahn hat je zwei Söhne und Töchter aus zwei verschiedenen Ehen. Aktuell ist er mit Model Svenja Kögel verheiratet, das jüngste Kind des Paares kam 2016 zur Welt. Kahns älteste Tochter wurde 1998 geboren und stammt aus der Verbindung mit Simone Belz, mit der er fünf Jahre verheiratet war.

Beruflich blieb der dreifache Welttorhüter seiner Sportart treu und heuerte für die EM 2008 als Fußball-Experte beim ZDF an. Bei großen Turnieren war er seitdem immer präsent, zuletzt bei der EM 2016 an der Seite von Oliver Welke. Parallel dazu veröffentlichte er bisher drei Bücher, das letzte erschien 2010 unter dem Namen „Du packst es! Wie du schaffst, was du willst“. Kahn ist seit April 2009 Jurymitglied der Unterhaltungsshow „China sucht den Super-Torwart“, bewertet dort die Fähigkeiten angehender Keeper. In Asien ist Kahn seit der in Japan und Korea ausgetragenen WM 2002 extrem bekannt und geschätzt, weshalb diese Konstellation zustande kam. Daran sieht man, dass Oliver Kahn, egal, wohin er geht, vor allem eins hinterlässt: Eindruck!