1860 München – Ein Rückblick auf die glorreichsten Zeiten der Löwen

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Stadion an der Grünwalderstraße 1860 München

Es ist tatsächlich passiert: Der TSV 1860 München ist aus der zweiten Liga abgestiegen und verabschiedet sich fürs Erste komplett vom Profifußball. Der Traditionsklub konnte für die Drittliga-Lizenz wegen massiver Schulden aus eigener Kraft nicht aufkommen, der Verbleib des Vereins ist bis auf Weiteres ungewiss. Dabei gehörte 1860 in der Vergangenheit zu den besten Teams des Landes. Wir haben die Geschichte der Münchner genauer unter die Lupe genommen und präsentieren euch die besten Momente der Vereinshistorie.

Frühe Titelgewinne im DFB-Pokal

Bereits im Jahre 1942 gewann 1860 München seine erste Trophäe im Profifußball. Im Finale des DFB-Pokals ging es gegen den FC Schalke 04, dem vielleicht besten deutschen Verein zu Zeiten des zweiten Weltkriegs. Als Underdog wuchsen die Bayern über sich hinaus und triumphierten mit 2:0 über die Knappen. Damit gewannen die Löwen den Titel als siebtes Team der DFB-Geschichte. Von den sechs vorherigen Siegern ist nur noch Schalke 04 im deutschen Oberhaus vertreten.

22 Jahre später stand 1860 München erneut im Finale des DFB-Pokals, diesmal hieß der Gegner Eintracht Frankfurt. Ähnlich wie Schalke gehörte die Eintracht zu den besten deutschen Teams ihrer Zeit, vier Jahre zuvor stand der Verein noch im Champions-League-Finale gegen Real Madrid. Doch wie gegen die Madrilenen zog Frankfurt auch 1964 gegen die Löwen den Kürzeren. 1860 geriet im Laufe des Spiels in Unterzahl, trotzdem ließen sich die Münchner nicht unterkriegen. Mit Siegeswille und Kämpferherz überrollte man die Eintracht mit zehn Mann. Wilfried Kohlars und Rudolf Brunnenmeier erzielten die beiden Treffer beim 2:0-Sieg der Sechziger.

Das erste internationale Ausrufezeichen

1860 München war in der Saison 1964/65 zum ersten Mal im Europapokal der Pokalsieger vertreten, sorgte gleich für Aufruhr im renommierten Wettbewerb. In der ersten Runde gab es in Hin- und Rückspiel gegen Union Luxemburg zwei Schützenfeste. Bei den 4:0- und 6:0-Triumphen erzielte Rudolf Brunnenmeier insgesamt vier Treffer. Im Achtelfinale wartete mit dem FC Porto ein härterer Brocken. Doch die Münchner konnten in Porto mit 1:0 gewinnen und rangen den Portugiesen zuhause ein 1:1 ab. Im anschließenden Viertelfinale zeigten die Löwen wieder einmal, was Auswärtsstärke bedeutet: Legia Warschau wurde im eigenen Stadion mit 0:4 zerlegt. Im Rückspiel zeigte 1860 eine souveräne Leistung und erzielte ein ungefährdetes 0:0-Unentschieden.

Als Neuling in Europa zogen die Löwen damit sensationell ins Halbfinale ein. Gegen den AC Turin konnte man dort im Hinspiel in Italien allerdings nicht so wie bisher überzeugen und verlor mit 0:2. Mit dem Rücken zur Wand mussten die Bayern nun zuhause mit zwei Toren gewinnen, um ein Entscheidungsspiel herbeizuführen. Die Auswärtstorregel existierte damals noch nicht. Mit einem Wahnsinns-Kampfgeist und den Fans im Rücken konnten die Löwen das Ruder tatsächlich herumreißen und mit 3:1 gewinnen. Beim anschließenden Entscheidungsspiel in Zürich zahlte 1860 den Turinern das 0:2 mit gleicher Münze heim und zog umjubelte ins Finale des Wettbewerbs ein. Und das als Europacup-Debütant!

Im Wembley gegen die Weltmeister

Old_Wembley_Stadium

Die Umstände des Endspiels hätten nicht gewaltiger sein können: Vor 97.974 Zuschauern traf der TSV 1860 München im sagenhaften Wembley Stadium auf West Ham United. Zu dieser Zeit gehörte das Team des englischen Klubs zum Besten, was der Weltfußball zu bieten hatte. In der Defensive machte Englands legendärer Verteidiger Bobby Moore die Räume zu. Als Kapitän des Nationalteams gewann er ein Jahr später den WM-Titel, England behielt vor allem dank Moore vier weiße Westen in sechs Spielen. Vorne sorgte Sir Geoff Hurst für die Tore. Auch er war bei der Weltmeisterschaft 1966 dabei, erzielte im Finale gegen Deutschland als einziger Fußballer in der Geschichte einen Hattrick im WM-Finale.

Gegen diese Übermacht schlugen sich die Löwen überragend, hielten bis zur 70. Minute die Null. Doch dann sorgte ein schneller Doppelschlag von Alan Sealey in der 70. und 72. Minute für Ernüchterung. 1860 verlor das Spiel am Ende zwar mit 0:2, verließ das Turnier jedoch als Gewinner. Rudolf Brunnenmeier wurde am Ende Torschützenkönig, auch Otto Luttrop und Hans Rebele gehörten zu den fünf besten Torjägern des Wettbewerbs. Die Münchner hinterließen europaweiten Eindruck wie kaum ein deutsches Team vor ihnen.

Die beste Mannschaft des Landes

Die Erfolgswelle hielt nach dem nationalen Pokalsieg und der internationalen Finalteilnahme an und die Sechziger etablierten sich in der ersten Liga mehr und mehr als absolutes Top-Team. Die Saison 1965/66 war der Gipfel der kontinuierlich starken Leistungen. In der Vereinsgeschichte der Löwen sollte sie die perfekte Spielzeit werden. Bereits am 1. Spieltag gab es eine Premiere: 1860 München traf zum ersten Mal überhaupt auf den frisch aufgestiegenen FC Bayern München. Die Löwen entschieden das erste Münchner Derby der Fußballgeschichte mit 1:0 für sich. Der Grundstein für ein gutes Jahr war gelegt.

In der gesamten Hinrunde lieferte das Team um Coach Max Merkel eine überragende Leistung ab und stellten mit 29:5 Punkten (damals gab es zwei Punkte pro Sieg) einen neuen Rekord in puncto Hinrundenbilanz auf. Diese beeindruckende Leistung wurde erst in der Saison 2005/06 vom Stadtrivalen Bayern München getoppt, 40 Jahre lang waren die Löwen der beste Herbstmeister der BL-Geschichte. In der Rückrunde gab es teilweise kleine Schwächephasen, die das Team auf Platz Drei zurückfallen ließen. Doch 1860 kämpfte sich zurück an die Spitze, es entwickelte sich ein Dreikampf mit Borussia Dortmund und dem FC Bayern München um die Schale.

Am 33. Spieltag kam es dann zum vorentscheidenden Duell gegen Borussia Dortmund, die beiden Teams waren vor dem direkten Vergleich punktgleich. Dass die Partie in Dortmund ausgetragen wurde, machte das Ganze natürlich noch schwieriger. Doch die Sechziger zeigten wieder einmal eine bärenstarke Leistung und bezwangen den Gastgeber mit 2:0. Damit war der Weg zur Meisterschaft geebnet, die Löwen beendeten die Saison mit drei Punkten Vorsprung auf Dortmund und Bayern. An der Grünwald Straße war anschließend die Hölle los, als Meistermacher Max Merkel die lang ersehnte Schale in den Himmel reckte.

1860 gegen die größten Vereine Europas

Real Madrid FC Sevilla

Nach der allerersten Meisterschaft folgte gleich die nächste Premiere für den Verein: 1860 München vertrat die Liga 1966/67 im Europapokal der Landesmeister. In der ersten Runde setzten die Münchner direkt ein Ausrufezeichen, als sie Omonia Nikosia im Hinspiel mit 8:0 vom Platz fegten. Löwen-Stürmer Timo Konietzka erzielte dabei einen Viererpack. Auch das Rückspiel wurde gewonnen und so zog man ins Achtelfinale ein.

Dort wartete mit Real Madrid ein europäisches Schwergewicht, das zu den absoluten Turnier-Favoriten zählte. Als Underdog lieferte 1860 München den Madrilenen um Paco Gento einen packenden Fight. Das Hinspiel wurde vor heimischer Kulisse mit 1:0 gewonnen, im Rückspiel triumphierten die Spanier jedoch mit 3:1. Nichtsdestotrotz verließen die Löwen den Wettbewerb erhobenen Hauptes, hatten sie doch alles gegen das übermächtige Real in die Waagschale geworfen.

1860 München - SC Paderborn

In den Folgejahren nahmen die Münchner noch zweimal am UEFA-Cup teil, in den Saisons 1997/98 und 2000/01 mischten sie im internationalen Geschäft mit. 19997/98 konnte der FC Jazz Pori ausgeschaltet werden, um die zweite Runde zu erreichen. Dort war allerdings gegen Rapid Wien Schluss. Die Österreicher schlugen den Bundesligisten 3:0, der 2:1-Sieg von 1860 konnte diese Niederlage nicht kompensieren.

Drei Jahre später hatten die Sechziger ihren bis dato letzten Auftritt auf der europäischen Bühne. In der ersten und zweiten Runde konnten sie den FK Drnovice und Halmstads BK besiegen, um in Runde Drei einzuziehen. Dort hatte der bayrische Traditionsklub allerdings extremes Pech bei der Auslosung und erwischte den FC Parma. Das stargespickte Team um Gianluigi Buffon, Johan Micoud und Fabio Cannavaro wurde seiner Favoritenrolle gerecht und lieferte eine grandiose Leistung ab. Die Löwen konnten dem Favoriten in Italien ein 2:2 erringen, das Rückspiel ging allerdings mit 0:2 verloren.

Relegationsduelle für die Ewigkeit

1860 München sorgte nicht nur in Europa für Furore, sondern lieferte auch national das vielleicht beste Relegations-Comeback der Fußball-Geschichte. 1977 stand der Verein mit dem Rücken zur Wand, nachdem Arminia Bielefeld im Hinspiel zuhause mit 4:0 gewann. Doch was selbst der größte Optimist nicht mehr zu hoffen vermochte, trat tatsächlich ein: Die Sechziger spielten vor heimischem Publikum groß auf und zeigten die perfekte Symbiose aus Fußballkunst und Körpereinsatz. Mit einer unfassbaren Entschlossenheit gingen die Münchner in die Partie nahmen die Arminia auf dem Platz komplett auseinander. 4:0 stand es am Ende, „jedes Foul von uns war quasi ein Mordanschlag“, erzählte Torschütze Jimmy Hartwig später.

Durch diesen Triumph erzwangen die Sechziger ein Entscheidungsspiel, das auf neutralem Boden in Frankfurt ausgetragen werden sollte. Die Bielefelder waren nach dem 0:4 extrem eingeschüchtert, während 1860 erhobenen Hauptes in die Partie ging. Dementsprechend einseitig lief auch das Spiel, die Löwen gewannen am Ende mit 2:0 und konnten sich dadurch den Klassenerhalt sichern.

TSV 1860 München

38 Jahre später standen die Münchner erneut an der Schwelle zum Abstieg, nach der Saison 2014/15 musste man gegen Holstein Kiel um den Verbleib in der 2. Liga kämpfen. Nach einem 0:0 im Hinspiel ging es in der Allianz Arena um Leben und Tod, ein Sieg musste her. Doch die Löwen starteten zu zahm in die Partie und waren in der ersten Hälfte kaum präsent. In der 16. Minute fiel dann das 0:1 für die Gäste. 1860 war geschockt und wurde in der Folge nur vom starken Keeper Vitus Eicher im Spiel gehalten. Doch das reichte bei weitem nicht, zwei Tore mussten her.

Bis spät in die zweite Hälfte war es um die Sechziger düster bestellt, der Aufstieg rückte immer weiter in die Ferne. In der 78. Minute gab es dann doch einen Hoffnungsschimmer: Daniel Adlung erzielte den Ausgleich! Dieses Tor setzte sowohl auf der Tribüne als auch auf dem Platz neue Reserven frei. Die Löwen-Fans peitschten ihre Spieler an, die elf Akteure auf dem Rasen drängten unaufhörlich auf den Kieler Kasten zu. Doch als die Nachspielzeit anbrach, stand es immer noch 1:1, was den Abstieg bedeutete. Da fasste sich Valdet Rama ein Herz und zog vor der Strafraumkante ab. Die Kugel prallte gegen den Pfosten, doch Kai Bülow war zur Stelle und dreschte den Abpraller ins Netz. Ein unvorstellbarer Jubel brach in der Arena los, der sich beim Abpfiff mit Erleichterung vermischte. „Wir leben!“, rief Kapitän Christopher Schindler nach der Wahnsinns-Partie.

Derbykönige um die Jahrtausendwende

AllianzArena 1860 München blau

Während eines der erfolgreichsten Zeitabschnitte des FC Bayern München gelang es den Löwen, ihrem Stadtrivalen ein Schnippchen zu schlagen. In der Saison 1999/2000 bot der Kader des deutschen Rekordmeister ein riesiges Spektrum an Weltklasse-Kickern auf. Oliver Kahn, Giovanni Elber, Stefan Effenberg und Mehmet Scholl sind nur einige der Namen, die im Team vertreten waren. Auch die Finalteilnahme an der Champions League im Jahre 1999 und der Turniersieg zwei Jahre später sprechen da eine deutliche Sprache. 1860 München war im Gegensatz dazu lange kein Kandidat für den Meistertitel mehr.

Trotzdem gelang es dem deutschen Meister von 1966, im Hinspiel als Heimmannschaft die Null gegen diese Übermacht zu halten. Als Thomas Ried in der 85. Minute dann sogar den Siegtreffer erzielte, hielt es keinen Zuschauer mehr auf seinem Sitz. Ein halbes Jahr später sinnte der FC Bayern dann auf Rache, als er die Sechziger in der Allianz Arena empfing. Doch wieder war es der Underdog, der durch ein Tor von Martin Max in Führung ging. Das Team um Oliver Kahn konnte zwar ebenfalls einen Treffer erzielen, doch ein Eigentor von Jens Jeremies besiegelte die Niederlage des FCB. Am Saisonende wurde 1860 sensationell Vierter und zog in den UEFA-Cup ein.

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