Auswärts mit Leverkusen im Estadio Vicente Calderón – das Wunder von Madrid blieb aus

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Atletico Madrid Leverkusen Gästeblock

Estadio Vicente Calderón hieß das Ziel: Das Champions-League-Achtelfinale zwischen Atletico Madrid und Bayer 04 Leverkusen ging in die zweite Runde. Nach dem 4:2 Sieg der Madrilenen im Hinspiel würde Leverkusen nur noch ein Wunder helfen. Trotzdem machten sich ca. 1200 Bayer-Fans auf den Weg in die spanische Hauptstadt.

Rechtzeitiges Streikende ermöglicht den Flug nach Madrid

Der Flug von Berlin nach Madrid dauert ungefähr drei Stunden. Hin- und Rückflug kosteten mich zusammen nur 75€. Die Streiks des Bodenpersonals am Berliner Flughafen endeten glücklicherweise vier Stunden vor meinem Abflug, sodass wir pünktlich abheben konnten. In meinem Flieger saßen bereits die ersten schwarz-rot gekleideten Anhänger der Werkself. Nach der Ankunft am außerhalb gelegenen Flughafen Madrid-Barajas ging es mit dem kostenlosen Shuttle-Bus Richtung Madrider Innenstadt.

Kaum raus aus dem Bus traf ich auf suchende Gesichter – natürlich Deutsche, die sich nach der nächsten U-Bahn umschauten. Gemeinsam mit einem Dortmunder, einem Schalker und einem Gladbacher fand ich ziemlich zügig den nächsten U-Bahnhof. Während der knapp 30-minütigen U-Bahnfahrt berichteten sie mir von ihrer Leidenschaft deutsche Teams international zu begleiten. Anschließend trennten sich unsere Wege wieder. Für sie ging es ins Hotel und ich machte mich auf die Suche nach dem Plaza de Santa Ana. Der kleine Platz im Zentrum Madrids war der Treffpunkt der Bayer-Fans und etwa eine halbe Stunde Fußmarsch entfernt vom Estadio Vicente Calderón.

Madrid Innenstadt Leverkusen Banner

Spielvorbereitung auf dem Plaza de Santa Ana

Am Plaza de Santa Ana versammelten sich die Leverkusener. Einige schnappten sich beim nächsten Kiosk eine Stiege Dosenbier und andere machten es sich in einem der anliegenden Restaurants bequem. Mitten auf dem Platz spielte ein Einheimischer stundenlang auf seiner Ziehharmonika bis eine Melodie den Deutschen ganz besonders gefiel. Nach und nach sangen immer mehr Leverkusener mit bis ihr selbstironischer Gesang über den gesamten Platz zu hören war. Zur Melodie von „When the Saints go marching in“ schallte es: „Wir scheiden aus, wir scheiden aus…“. Die wenigsten glaubten an ein Wunder der Bayer-Elf, die mit 3 zu 0 hätte siegen müssen. Nichtsdestotrotz hatten sie Spaß im sonnigen Madrid.

Fanmarsch der Bayer-Fans zum Estadio Vicente Calderón

Die Distanz zwischen dem Plaza de Santa Ana und dem Estadio Vicente Calderón beträgt fast drei Kilometer. Knapp zweieinhalb Stunden vor Spielbeginn machten sich die 1000 Bayer-Fans auf den 30-minütigen Fußmarsch zum Stadion. Es tümmelten sich auch viele Anhänger der Kickers Offenbach in der Meute, da die beiden Fanlager eine rege Freundschaft pflegen. Nicht jeder wurde von den Bayer-Ultras so freundlich empfangen.

Während des Marsches wurde es in den ersten Reihen lauter und die Anhänger schmissen eine Person in Rostock-Jacke aus dem Fan-Pulk. Sie bespuckten ihn und stießen ihn aus. Es war wohl nicht die klügste Idee, sich mit einer Hansa-Jacke der betrunkenen Bayer-Meute anzuschließen. Im späteren Gespräch erwies er sich trotzdem als ein sympathischer Typ. Auch etliche Bayer-Fans dankten ihm, dass er Leverkusen an diesem Tag unterstütze. Im Endeffekt regelte ein mitgereister deutscher Polizist in Zivilkleidung, dass der Rostocker eine Karte im neutralen Block bekam.

Ohne Toilette vor dem Stadion eingepfercht

Die Polizei eskortierte die Fans bis zum Estadio Vicente Calderón wo eine Reiter-Staffel die deutschen Fans abschottete – mich inbegriffen. Ich hatte eine Karte für den Block 518 auf der Gegentribüne und begleitete die Auswärtsfans eigentlich nur zum Filmen. Jedoch verwährten mir die spanischen Polizisten das Verlassen des Pulks, auch als ich ihnen mein Ticket zeigte. Sie riefen nur: „solo aqui“. Englisch spricht angeblich keiner von ihnen, womit jede englische Nachfrage vergebens war. Auch Bayers Fan-Beauftragter Rüdiger Vollborn war unter den Eingepferchten und konnte aufgrund der Sprachbarriere nicht helfen.

Also musste auch ich durch die Kontrolle für Gästefans. Zwischen Autobahn und Bauzaun warteten die gut 1000 deutschen Fans – ohne Toilette und ohne Bier. Die Männer pinkelten gegen einen LKW, die Frauen mussten aushalten und das ganze eineinhalb Stunden lang bis kurz vor Anpfiff. Warum nicht einmal Dixi-Klos organisiert wurden, war uns allen ein Rätsel.

Zusätzlich zur Einlasskontrolle kam ein Check durch die Polizei. Diese nahm es sehr genau und forderte auch das Ausziehen der Schuhe. Allerdings brach sie die strengen Kontrollen 15 Minuten vor Spielbeginn ab – aufgrund von Zeitmangel. Deswegen entfiel die doppelte Kontrolle bei hunderten Gästefans und auch bei mir. Über die Sinnhaftigkeit derartigen Vorgehens lässt sich streiten, aber immerhin war man nach eineinhalb Stunden endlich wieder frei.

Ohne Kamera im Estadio Vicente Calderón

Atletico Madrid Stadionseite Storage room

Kaum war ich raus aus dem „Gästeknast“ eilte ich um das halbe Estadio Vicente Calderón herum zu meinem Block. An den Eingängen waren endlos lange Schlangen. Es war alles sehr hektisch, auch die Einlasskontrolle. Die Körperkontrolle fiel angesichts der wartenden Leute sehr kurz aus. Zwei kurze Streicheleinheiten und der nächste wäre dran gewesen. Doch leider fiel dem Ordner meine Kamera auf. „No camera“ sagte er mir und schickte mich in der Hektik zu „Gate 51“ – ohne weitere Erklärung.

Als ich am Eingang 51 ankam, stand ich vor einer Hinterlegungstelle für Motorradhelme und Kameras. Ich stellte mich an die 20 Meter lange Schlange und hörte von draußen die Hymne von Atletico Madrid – das Spiel ging los. Als ich meine Kamera abgegeben hatte, rannte ich zu meinem Block und war 15 Minuten nach Spielbeginn endlich im Estadio Vicente Calderón. Im Stadion gab es kein Bier, aber immerhin Toiletten, auf die sich vor allem einige Gästefans sehr gefreut haben dürften.

Estadio Vicente Calderón – charmantes, stimmungsvolles Stadion auf Zeit

Das legendäre Stadion Vicente Calderón wurde bereits 1966 eröffnet und zuletzt 1972 umgebaut. Dass seitdem nur sporadisch Renovierungsarbeiten erfolgten, sieht man dem Stadion deutlich an – genau das macht aber auch den Charme aus. Die Treppenaufgänge zu den Blöcken waren extrem heruntergekommen. In meinem Block angekommen sah ich dann den Stadioninnenraum, der einen ganz besonderen „Oldschool Charme“ besitzt. Die spezielle Architektur des Estadio Vicente Calderón mit den steilen Tribünen gab gemeinsam mit der Flutlicht-Atmosphäre ein besonders schönes Bild ab. Dazu die mitfiebernden Atletico-Fans in meinem Block, die bei jedem Foulspiel „hijo de puta“ riefen. Und auf dem Spielfeld läuft die Liga der Champions, was will man mehr?

Atletico Madrid Fans Estadio Vicente Calderon

Ein paar Tore wären schön gewesen, aber das Spiel blieb ohne Sieger und endete bekanntermaßen torlos. Deshalb sprang der Funken nicht wirklich vom Spielfeld auf die Tribünen über.

Gästeblock meist kaum zu hören

Von den 2000 Karten die Bayer Leverkusen für das Spiel zur Verfügung standen, wurden nur knapp 1200 verkauft. Die Gästefans gingen allerdings unter im Estadio Vicente Calderón – von meinem Platz konnte ich nur selten Anfeuerungsrufe vernehmen. Das lag natürlich auch an den Gesängen der Atletico-Fans. Sie sorgten teilweise für eine tolle Europapokal-Atmosphäre und ließen erahnen, wie es bei hitzigen Derbys gegen Real Madrid abgehen würde.

Bemerkenswert waren für mich vor allem zwei Dinge. Erstens habe ich selten ein so volles Stadion während einer Halbzeitpause gesehen. Liegt wahrscheinlich an dem ausbleibenden Bierkonsum, weil keines verkauft wurde. Und zweitens bleiben mir die Fans, speziell die Ultras von Atletico positiv in Erinnerung. Sie pfiffen den Gegner in normalen Spielsituationen nicht aus, auch nicht bei einer Leverkusen-Ecke direkt vorm Atletico-Block. Dieses permanente Pfeifen ist in Deutschland leider zum Alltag geworden.

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