CL-Finale in Berlin: Juventus Turin gegen FC Barcelona

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Olympiastadion Berlin

Italienischer Fußball? Da scheiden sich in der Regel die Geister. Bei TV-Übertragungen sehen wir, wenn die Kamera z.B. beim Abspielen der Nationalhymnen an der Spielerreihe vorbeischwenkt, in der Regel eine Truppe kerniger, wildentschlossen drein blickender Jungs. „Siami pronti alla morte. L’italia chiamó“ – „Wir sind bereit zum Tod, Italien hat gerufen“ – singen sie lauthals und man zweifelt keine Sekunde daran, dass sie es ernst meinen. Einige (eher wenige) Fußballfans schwärmen vom geradlinigen, schnörkellosen italienischen Fußball, andere (die meisten) rollen eher mit den Augen. Abwehrbollwerk, Minimalismus, Catenaccio – und dazu die nicht immer ganz feinen Methoden auf dem Platz. Die Italiener sind unbestrittene Weltmeister im theatralischen Zeit Schinden. Und wir alle erinnern uns an Marco Materazzi, der im Endspiel der WM 2006 den französischen Superstar Zinedine Zidane so provozierte, dass er in seinem letzten Spiel für die Équipe Tricolore zum inzwischen legendären Kopfstoß ansetzte und den Platz frühzeitig verlassen musste.

Mit Zinedine Zidane sind wir eigentlich schon beim Thema – beim diesjährigen Champions League-Finale und bei Juventus Turin. Dort, bei Juve, begann der damals noch unbekannte Zidane in den 1990er Jahren seine Karriere und prägte dann die erfolgreichste Ära der „vecchia Signora“ (die ja eigentlich die Jugend – Juventus – im Vereinsamen trägt) wesentlich mit. Hier wurde Zidane – bevor er im Jahr 2001 zu Real Madrid wechselte – zum Weltfußballer. In Italien fing es an, mit Italien hörte es auf – der italienische Fußball hat das fußballerische Schicksal des französischen Megastars nicht ganz unwesentlich mitgeprägt.

Juventus Turin verkörpert seit vielen Jahrzehnten Glanz und Elend des italienischen Vereinsfußballs. Die Geschichte von Juve führt hoch hinauf auf alle Gipfel und tief hinunter in alle Täler, die ein Fußballverein (und mit ihm seine Fans) durchleben und durchleiden kann ,Vielfacher italienischer Meister, Pokalsieger, Champions-League-Gewinner, Katastrophen, Doping-Skandale, Manipulationen. Mit zwei aberkannten Meisterschaften und dem Zwangsabstieg im Jahr 2006 schien das letzte Stündlein des Vereins geschlagen zu haben, aber nichts da – die „Alte Dame“ lässt sich nicht so einfach abhängen.

Während einige der Stars -z.B. Zlatan Ibrahimovic – den Abstieg nicht mitmachen wollten, gelang es dem Verein trotzdem, den Kern der Truppe zusammenzuhalten. Torhüter Gianluigi Buffon (der auch am Samstagabend in Berlin noch zwischen den Pfosten stehen wird), Andrea Del Piero, David Trezeguet, Pavel Nedved – sie alle blieben und schafften mit Juve den direkten Wiederaufstieg. Wohl kein anderer Name ist so eng mit Juve verbunden wie der von Andrea del Piero. Von 1993 bis 2012 schnürte er die Fußballschuhe für Juventus, die linke Strafraumseite – die „Zonal del Piero“ -, von der aus er seine meisten Tore erzielte ist legendär. Als im Jahr 2012 sein Vertrag nicht mehr verlängert wurde war del Piero – „Il fenomeno vero“ – 38 Jahre alt. (Mit so viel Vereinstreue kann in Deutschland wohl nur der „ewige Oka“, der fast zwanzig Jahre das Tor von Eintracht Frankfurt hütete, mithalten).

Die „Alte Dame“ ist zurück

Jetzt also ist Juventus Turin wieder ganz oben angekommen. Wenn am 6. Juni im Berliner Olympiastadion das diesjährige Finale der Championsleague 2014/15 angepfiffen wird, dann werden wir etwas mehr erleben als „nur“ ein Fußballspiel. Mit Juve gegen Barca treffen zwei Clubs aufeinander, die den Vereinsfußball auf europäischer Ebene so geprägt haben wie sonst eigentlich nur noch Real Madrid oder der FC Liverpool. Namen, die für jeden Fan einen fast mystischen Klang haben.

Barca – schon der Clubname schmilzt auf der Zunge. Viele Jahrzehnte in Spanien die Nummer 2 hinter Real und immer auch Repräsentant des katalonischen Strebens nach Eigenständigkeit, ist heute unbestritten der dominierende Klub im Weltfußball. Ein absolut eingespieltes Team, in dem sich internationale Stars wie Messi, Neymar, Iniesta und Luis Sanchez frag- und klaglos in ein System modernsten, auf absoluter Disziplin beruhenden Offensivfußballs einreihen und dann – im entscheidenden Augenblick – auf jedes System pfeifen und mit ihrer individuellen Klasse ein Spiel entscheiden. Die Bayern wissen, wovon die Rede ist! Jüngstes Beispiel: Der Pokalsieg gegen Athletic Bilbao am vergangenen Wochenende. Das Spiel war über weite Strecken eine „Messi-Show“ (auch wenn Juve-Trainer Massimiliano Allegri im Vor-dem-Finale-Geplänkel findet, dass „Messi schon mal stärker war.“)

Minimalismus gegen Feuerwerk

Auf dem Papier scheint also alles klar: Barca, eine Truppe Weltstars, angeführt von einem (äußerst sympathischen) „Außerirdischen“ mit einem Transferwert von über 500 Millionen Euro, ist der glasklare Favorit. Aber Juve ist immer für eine Überraschung gut. Allein, dass die Mannschaft um die beiden Haudegen Gianluigi Buffon und den ewigen Mittelfeldstar Andrea Pirlo auf dem Weg ins Finale niemand geringeren als Real Madrid ausgeschaltet hat, ist bereits eine mittlere Sensation.

Auch wenn der italienische Fußball die Zeiten des Catenaccio, des scheinbar auf ewig zementierten Defensivfußballs überwunden hat, ist auch Juve 2015 spielerisch doch eher auf eine gesicherte Defensive ausgerichtet. Die stoische Ruhe und die kaum nachlassende Konzentration und Hartnäckigkeit, die das Team auszeichnet, könnte auch die Stars von Barca zermürben. Vor allem dann, wenn Juve in Führung geht.

Viel wird davon abhängen, wer am Samstagabend die Fanhoheit im Berliner Olympiastadion haben wird – vermutlich Juve mit seiner riesigen Fanbase. Juventus Turin ist mit Abstand der beliebtestes Club in Italien, steht im weltweiten Fan-Ranking seit kurzem sogar vor ManU und nur noch knapp hinter dem All-Time-Spitzenreiter Benfica Lissabon. Außerdem steht zu vermuten, dass auch viele deutsche bzw. Bayern Fans im Stadion – diesmal – und ausnahmsweise – die italienischen Defensivkünstler unterstützen werden.

Mal abwarten, ob Sami Khedira in der nächsten Saison „nur“ bei einem der traditionsreichsten europäischen Fußballvereine spielen wird – oder beim aktuellen Champions-League-Sieger!

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